Der Fasan

  • 25.07.2026 Der Fasan
    Kuratorische Kontaktzonen
    Internationales Kunstzentrum Petersberg (IKZP) & Das Bedürfnis

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    Das IKZP ist die fünfte Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.

    Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.

    Der Fasan lebt hauptsächlich am Boden und kann nur kurze Strecken fliegen. Der Fasan baut sein Nest am Boden. 

    Auf einem Grundstück in Ostrau, einem kleinen Ortsteil von Petersberg, etwa 25 Kilometer nördlich von Halle (Saale), befand sich in den 1970er Jahren ein großer Obstgarten mit einer  Futterstelle für eine Schar Fasane. Eines Tages wich die Futterstelle zugunsten eines Gewächshauses. Kurz darauf wurde ein Doppelwohnhaus errichtet, in dem ein Mann Einzug hielt. Dieser war in der Region kein Unbekannter, sondern als Objektkommandant beschäftigt und die Ortschaft wurde kurzum zur “operativen Schwerpunktgemeinde” kategorisiert. 

    In einer Gemeinde mit 1500 Einwohner:innen lässt sich nichts kaschieren. Schon gar nicht, wenn der Boden über Jahre gegraben und ausgehöhlt wird. Die Neubauten waren eine Architektur der Tarnung, die davon profitierte, dass die Anwohner:innen wussten, nicht genau hinsehen zu sollen. Allerspätestens bei einer Informationsveranstaltung an einer Kreisvolkshochschule im Jahr 2013 erfuhren die Bewohner:innen der Region mit Gewissheit, dass ihre Umgebung als einer von mehreren strategischen Standorten auserkoren worden war und eine Ausweichführungsstelle für bis zu 100 Mitarbeitende der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Halle entstand. Der Bunker mit dem Decknamen „Fasan“ war endgültig enttarnt: das MfS baute sein Nest unter dem Boden. 

    Der Ernstfall trat nie ein, die unterirdische Festung war über Jahrzehnte im Stand-By-Modus. Nach 1990 kam der Bunkerkomplex in den Besitz des Bundesvermögensamtes, bis er 2022 schließlich an eine Eigentümer:innengesellschaft verkauft wurde. 

    Konstante 16 Grad

    Es ist nicht so, als wäre nichts gewesen in den Jahren zwischen 1990 und der Gründung des Internationalen Kunstzentrum Petersberg (IKZP) 2023, das private Ausstellungen und Veranstaltungen in diesem ehemaligen DDR-Bunkerkomplex veranstaltet. Es muss Raves gegeben haben, das zeigen die Spuren, als das Grundstück und die unterirdischen Gänge erschlossen wurden. Teils waren die Zugänge zugemauert worden und mussten erst abgetragen werden. Inventar wurde peu à peu herausgenommen. Linoleumböden, Feldbetten usw. waren in Teilen noch vorhanden. Einige der Objekte finden sich nun in ortsspezifischen, künstlerischen Arbeiten wieder, die im Bunker gezeigt werden. 

    Mit konstanten 16 Grad und einer Architektur, die so wenig Spielraum zulässt, aber gleichzeitig die Vorstellungskraft ins Unermessliche treibt, ist der Bunker ein Ort, dem man sich über eine imaginäre Rekonstruktion annähern muss. In der künstlerischen Auseinandersetzung ist das ein Versuch zu verstehen, welche historischen und politischen Spuren und Einschreibungen in den Räumen fortbestehen. Auch die Klasse Blank für Installation und Raum der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig (HGB) nutzte den Bunker als Ausstellungsort, um ihn als außergewöhnliches Ausstellungsformat zu testen. 

    Hinzu wurde er digital rekonstruiert. Die Gruppe von Künstler:innen, die sich dem Bunker angenommen hat, widmet sich nicht allein der materiellen Substanz, sondern übersetzt den Ort in begehbare, digitale Bildwelten. Aus einer Nachbildung, die über VR zugänglich ist, entstand ein Zusammenschluss von Arbeiten unter dem Titel Ruinen des Lichts, die im Sommer 2026 im Bedürfnis e.V. Halle gezeigt wurden. Das Projekt ermöglicht es, den Ort neu zu interpretieren, auch wenn die architektonische Strenge allgegenwärtig ist.

    Der Künstler Malte Taffner beispielsweise verbindet das Unterirdische mit dem Oberirdischen und spielt mit dem Geschlossenen als fragiles System. Durch das Sichtbarmachen des Eindringens von Flora bricht er mit der Vorstellung von Abschirmung und stellt die Frage, wovor eigentlich geschützt werden sollte. Die Arbeit von Yannick Harters Lord-Vessel nähert sich der Architektur über die Ästhetik und Logik von Computerspielen. Die Räume werden in eine labyrinthartige Struktur überführt und somit die Gegenpole Orientierung und Kontrollverlust gegenübergestellt. Auch Fabian Lehmanns Machina Motus lässt sich als Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Körper, Kontrolle und künstlicher Umgebung lesen. Die klassische Ästhetik des Discobolus – der antiken Darstellung eines Diskuswerfers – wird mit der präzisen Bewegung von Roboterarmen konfrontiert. David Schröders Sockel 3.0 geht schließlich von einem ganz konkreten materiellen Detail des Ortes aus: dem alten Linoleumboden des Bunkers. Das Material ist ein Relikt einer Zeit und eines Systems, und somit Träger von Erinnerungen an einen Staat, den es nicht mehr gibt. Bei Lennard Beckers Arbeit loosing steht wiederum das Bewahren eines Fundstücks im Mittelpunkt. Becker rettete eine gefundene Skulptur vom Ostfriedhof in Leipzig vor der Entsorgung, reinigte sie und goss sie anschließend in Zinn. Auch hier geht es um die Frage, was wird, wenn ursprüngliche Zusammenhänge verloren gehen und wie künstlerische Arbeit Rekonstruktion und Bewahrung vermitteln kann.

    Den Initiator:innen des IKZP geht es bei der Aktivierung des Ortes weniger um den Bunker selbst als um die Öffnung eines unterirdischen Systems, das der absoluten Isolation gewidmet war. Darin liegt die komplette Gegenwende. Auch wenn unterirdisch gezeigt wird, behandeln die Ausstellungen, was sich oberirdisch tut und damit nicht zuletzt die Gegenwart, die ländliche Umgebung und ihre Veränderungen.

    Konstante 40%

    Und vor allem, was die unmittelbare Zukunft bringt. So kurz vor den Wahlen in Sachsen-Anhalt, in denen sich die politische Stimmung zunehmend gegen eine offene Kunst- und Kulturarbeit richtet und sich rückwärtsgewandt in Richtung Kontrolle, Selbstjustiz, Isolation und Abgrenzung entwickelt, steht die von dem Künstler Carsten Saeger initiierte Radtour nach Ostrau gerade deshalb im Zeichen der Begegnung von halleschen Kunst- und Kulturschaffenden, Kunstvereinen und Bewohner:innen der Region. 

    Ausgehend von Das Bedürfnis, einer ehemaligen Bedürfnisanstalt, die mit ihren 13m² ebenso zu einem Ausstellungsraum umgewidmet wurde, spannt sich die Tour von Stadt zu Land durch die Peripherie. Es ist eine Möglichkeit des Austauschs über Transformation, sich wandelnde Alltagsökologien, aber auch über die Wahlen und die damit einhergehende Bedrohung des gesellschaftlichen Zusammenhalts verstanden.

    Mit dem Workshopformat Free for All wurde die Idee des Zusammenkommens in Ostrau für ein Wochenende lang fortgeführt. Eigene (künstlerische) Beiträge konnten mitgebracht, auf dem Gelände des IKZP gezeigt oder in eigene Formate überführt werden. Entscheidend war dabei nicht die Vorgabe eines fertigen Programms, sondern die Aktivierung eines Raumes, in dem etwas entstehen konnte: durch Anwesenheit, durch das Zeigen und Teilen.

    Das Zusammenkommen in Ostrau war insofern auch eine konkrete Frage danach, was Kunst und Kultur angesichts dieser unmittelbaren politischen Zukunft leisten können. Nicht als Gegenentwurf zur Politik und nicht als Behauptung, Kunst könne gesellschaftliche Verhältnisse allein verändern, sondern als Praxis, die Verbindungen herstellt, Öffentlichkeit organisiert und Räume zugänglich hält. Auch wenn ein Bunker die radikalste architektonische Form des Rückzugs ist, Innen und Außen trennt und Zugang kontrolliert, setzte die Radtour dieser Logik der Abschottung eine Bewegung entgegen.

    Gerade dort, wo Räume zu schließen oder sich gesellschaftlich zu spalten drohen, wo die Kontrolle der Kunstfreiheit zunimmt und Institutionen sich gegen die Außenwelt abzuschirmen versuchen, wird ihre Öffnung zu einer politischen und kulturellen Praxis.

    www.ikzp.online
    https://das-beduerfnis.de/