- 26.06.2026 Im Goldenen WestenKuratorische KontaktzonenKunstverein Pforzheim
Der Kunstverein Pforzheim ist die vierte Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.
Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.
Mit My Teeth Eroding While I Sleep, einer Tanzperformance von Abdallah Damra, eröffnet an einem Hochsommerabend 2025 unter freiem Himmel die Ausstellung Boxing Culture in Pforzheim. 70 zusammengerollte orientalische Teppiche pflastern den Boden des Ausstellungsraums. Die Teppiche sind Nachlässe von Familien mit unterschiedlichen kulturellen Biografien und werden zu Trägern persönlicher und kollektiver Geschichten. Sie verweisen auf die Erfahrungen der sogenannten Gastarbeiter:innengeneration. Als Sohn einer Familie mit Migrationshintergrund aus Südostanatolien und geboren in Pforzheim wächst der Künstler Firat Yildiz in verschiedenen Bezugssystemen auf. Er lebt und erlebt ein „Dazwischen“. Diese kulturellen Überlagerungen sind Ausgangspunkt seiner künstlerischen Praxis und stellen zugleich Fragen zum Konstrukt „Kultur“, das durch die Ausstellungszeit auf unterschiedliche Weise und auf verschiedenen Ebenen hinterfragt wird. Als eben genau solch ein multifunktionales Kulturzentrum und erster Museumsbau der Nachkriegszeit wurde das Reuchlinhaus 1961 eröffnet. Mit Boxing Culture beginnt zugleich eine neue Episode in der Geschichte des Kunstvereins. Das Fest ist sogleich die erste Intervention unter der neuen künstlerischen Leitung von Daria Schroth und Janusz Czech.
Gold bedeutet Arbeit
Als Arbeiter:innenstadt im badischen Südwesten Deutschlands, geprägt von der Schmuck- und Uhrenindustrie, ist Gold tief in ihre Topografie eingeschrieben. Und doch erzählt Pforzheim von einer differenzierten Ökonomie. Stark zerstört vom 2. Weltkrieg und Jahrzehnte im Wiederaufbau, funktioniert das Narrativ des prosperierenden Westens in Pforzheim nicht eindeutig. Überdurchschnittlich hohe Arbeitslosigkeit und ein politisches Klima, in dem sich Autoritäten parlamentarisch artikulieren. Das Stadtbild wirkt komplex. Und darüber spricht der Kunstverein. Über Herkunft, Klasse, Zusammenleben, Gemeinsinn und politische Affekte, die unauflösbar ineinandergreifen.
Pforzheim hat eine der höchsten Quoten von Menschen mit Migrationshintergrund. Der Anteil von Bürger:innen ohne deutschen Pass liegt bei etwa 32,5 Prozent. Rechnet man Personen mit Migrationshintergrund hinzu, steigt dieser Wert sogar auf fast 60 Prozent. Das bringt eine Bandbreite verschiedener Kulturen zusammen, die zusammen rund 125.000 Einwohner:innen ausmachen. Auch ist Pforzheim vergleichsweise jung.
Diese diverse und junge Stadtgesellschaft über die Mittel der Kunst – oder die für gewöhnlich vorbehaltenen Kapazitäten der Kunst – stärker in die Stadtgesellschaft einzubinden, ist das Engagement des neu formierten Kunstvereins. Er öffnet einen geschützten Raum für Biografien der Diaspora und postmigrantischen Perspektiven. Damit möchte der Kunstverein insbesondere jenen Perspektiven Raum geben, die in der statistisch vielfältigen Stadtgesellschaft zwar überproportional vertreten, gesellschaftlich jedoch noch immer kaum sichtbar und selten beteiligt sind.
Salon der Kulturen
Die Funktion einer Kunstinstitution infrage zu stellen oder neu zu denken, ist für die künstlerische Leitung ein zentraler Ausgangspunkt. Dabei ist ihr Haus unausweichlich ein politischer Raum, in dem dekoloniale Wissensformen sowie nicht-lineare Lesarten Einzug finden.
Die neue Ausrichtung zeigt sich insbesondere im neu eingerichteten Salon der Kulturen. Der Raum mit Blick auf den Hof entzieht sich der Logik kuratorischer Autorität und ist „freigegeben“ für Initiativen. Der Raum wird weniger vom Team des Kunstvereins bespielt als von ihm geöffnet. Communities der Stadt eignen sich ihn temporär an und produzieren Öffentlichkeit. Damit geht einher, das Ausstellen auch als politischen Akt zu verstehen. Der Kunstverein sieht sich in der Rolle der Vermittlung. Dass sich das Ausstellungsmachen ändert, insbesondere dann, wenn man mit Communities zusammen und prozessorientiert arbeitet, erfahren derzeit viele Kunstvereine. Das Haus zu öffnen bedeutet auch, dass Ressourcen wie Gästewohnungen für Künstler:innen benötigt werden. Dies sind konkrete Herausforderungen für die Häuser in den kommenden Jahren.
Pforzheim ist eine Stadt, die soziale Spannungen aushält. Und der Kunstverein ist ein Ort, der im Plural von Kulturen spricht: als aktivistisches Empowerment durch Kunst, die Stadtgesellschaft so darzustellen, wie sie ist, und damit auch ein Gegenbild zu der Vorstellung aufzuzeigen, dass Baden-Württemberg, dass der Westen automatisch Wohlstand, Sicherheit und Aufstieg garantiert.
https://www.kunstvereinpforzheim.de/








