Das Projekt Grand Snail Tour von Urbane Künste Ruhr ist die zweite Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.
Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.
Es ist Boulevard Gevelsberg. Die Mittelstraße, sonst Einkaufsstraße, ist für drei Tage ein provisorisches Konglomerat aus den typischen Komponenten, die es braucht, um ein Stadtfest ein Stadtfest sein zu lassen. Als hätte man das Zusammenspiel schon unzählige Male gesehen, kippt die Anordnung in dieser Stadt irgendwie doch ins Unstimmige. Der polnisch-deutsche Künstler Janusz Hajduk-Gubalke hat schon 1989 erkannt, dass diese Kleinstadt nicht leicht lesbar ist. Auf einer Metallplatte am Gevelsberger skulpturalen Stadtzeichen Stadtharfe findet sich das Sator-Quadrat: ein rätselhaftes Schriftbild aus der Antike, das sich in mehrere Richtungen lesen lässt.
Wenn man in Gevelsberg ankommt, hat man das Gefühl, dass hier etwas ausfranst. Das liegt daran, dass die westdeutsche Stadt mit ihren knapp 30.000 Einwohner:innen dort liegt, wo das Ruhrgebiet beginnt, sich aufzulösen. Die große Verdichtung des Reviers geht hier in eine Hügellandschaft über und es wirkt hier weder eindeutig wie Pott noch eindeutig wie Bergisches Land. Gevelsberg liegt nicht auf dem Weg, ist aber von Dortmund mit dem Regionalexpress in kurzer Zeit erreichbar. Die Anbindung ist gut, auch in den Abendstunden. Und somit ist Gevelsbergs zweigleisiger Bahnhof Teil der engmaschigen Infrastruktur der Metropole Ruhr und damit wiederum eine von ihren 53 Städten.
53
Eine von 53 und gleichzeitig die 29. Das ist keine reale Verwaltungsnummer, sondern die Station einer Tour innerhalb einer Logik, die der Form eines Schneckenhauses folgt: die Grand Snail Tour. Eine dreijährige spiralförmige Bewegung durch das Ruhrgebiet, die alle dazugehörenden Städte besucht. Öffentliche Plätze werden dabei zu temporären Ausstellungsorten, Kunst wird in die Regionen aktiv verlagert. Initiiert wird das Projekt von Urbane Künste Ruhr.
Während das Gehäuse einer Schnecke von innen nach außen wächst, baut sich die Tour von der Peripherie auf einen Mittelpunkt auf. Gestartet in Xanten und somit im Westen des Ruhrgebiets, bewegt sie sich erst in Richtung Norden, folgt dem Osten und führt dann in den Süden. Dies geschieht so lange in Rotation, bis sie Herne erreicht. Herne mit der Nummer 53 ist aber in keiner Weise das erklärte Ziel oder sogar ‚Letzte‘. Auf der Grand Snail Tour steht jede Station gleichermaßen im Fokus. In einer Metropolregion mit fünf Millionen Einwohner:innen gibt es viele Stimmen, und so zeichnen sich mit der Grand Snail Tour alternative Bilder zum Überbau einer Region ab, die vom Kohlebergbau und der Stahlindustrie geprägt ist und bis heute identitätsstiftend wirkt.
Was man sieht, wenn man nicht geradeaus geht
Wie liest man Perspektiven und Tendenzen einer Region? Um die Entwicklungen einer Region nachzuvollziehen, ist es eine weise Herangehensweise, keine geradlinige Perspektive einzunehmen, sondern sich in Windungen zu bewegen. So lässt sich Transformation nachvollziehen. In drei Jahren wird sich Wandel abzeichnen. Nicht nur strukturell. Auch Ergebnisse von Wahlen, die politische Stimmung und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Verschiebungen, werden zu spüren sein. Dem Prinzip von Kreisbewegungen folgend, gelangt man immer wieder in die Nähe einer zuvor besuchten Region. So lassen sich auch Unterschiede von Ort zu Ort über Zeit erkennen. Zeit ist hier ein nicht unbedeutender Faktor. In einem dreijährigen Projekt ist man zwar vergleichsweise langsam, verglichen mit regulären Ausstellungstaktungen, aber nicht starr.
Wenn Mobilität zum Ausgangspunkt wird, wird es unweigerlich zur Herausforderung um die Form, die sie annehmen soll. Wie kann ein Ausstellungsraum reisen? Die Antwort fand sich in einem Markttrailer, der für das Projekt adaptiert wurde. Die Stationen finden alle zwei Wochen, meistens donnerstags, statt. Geplant werden sie vier bis sechs Monate im Voraus. Für diese Aufgabe wurde eigens eine kuratorische Position geschaffen, die von Julian Rauter übernommen wird. Die Orte, die lokalen Akteur:innen und das jeweilige Programm werden von dem Team bewusst gewählt – nicht zuletzt aus administrativen Gründen. Gleichzeitig können sich Gegebenheiten ändern, auch spontan. Das auszuhalten gehört zum Projekt und ist vielleicht sogar das, worum es insgeheim geht.
Die Grand Snail Tour ist also auch das Resultat einer Veränderung im Denken darüber, wie wir Ausstellungen machen. Die einzelnen Stationen sind prozesshaft angelegt. So kann man sich an Änderungen anpassen und auf das reagieren, was unvorhersehbar kommt, sagt Britta Peters, künstlerische Leitung der Urbane Künste Ruhr. Indem man formbarer bleibt und den zeitlichen Druck, der das Ausstellungsmachen oft bestimmt, herausnimmt, entstehen kleinteiligere und differenzierte Formate, die zugleich fordern, die eigene Arbeit immer wieder neu zu befragen und einzuschätzen.
Tour in der Tour
Um anzukommen, muss man zunächst losgegangen sein. Deshalb wird der Tag in Gevelsberg zurückgespult. Für die Grand Snail Tour beginnt er rund 15 Kilometer weiter nördlich.
Ausgangspunkt ist Sprockhövel, Station Nummer 28. Das verbindende Element – und zugleich die eigentliche künstlerische Intervention des Tages – ist ein Spaziergang mit dem Kölner Künstler Boris Sievert. Von Sprockhövel aus führt der Tagesausflug durch die Region. Sie folgt den Spuren von Transformationen, die sich in Architektur, Infrastruktur und in die Realitäten der Bewohner:innen eingeschrieben haben. Beginnend in der ländlichen Sphäre, führt die Route entlang von Industrielandschaften und quer durch die Stadt. Seit 2000 bietet er über sein Büro für Städtereisen sogenannte Pauschalreisen an, die an Orte führen, die sich ebenso als Nicht-Orte lesen lassen. Sein Reisebüro existiert dabei weniger als Ladenlokal denn als Praxis.
Meanwhile in Gevelsberg: Ein ca. sechsköpfiges Team baut den Trailer auf, der mit einem LKW herangefahren wird. Das Setup entsteht innerhalb einer Stunde auf einem Parkplatz in einer Parkanlage an der Ennepe. Alles, was gebraucht wird, wird mitgebracht. Toiletten können an einer nahegelegenen Dönerbude genutzt werden. Mitgekommen sind Arbeiten von Cem A. und Cosima von Bonin. Die Auswahl der Werke aus dem Sammlungsdepot in Bochum folgt keiner festen Ordnung, sondern wird an jeder Station neu getroffen.
Einige von Cosima von Bonins 7000 Palmen wehen deshalb heute am Trailer. Stoppschilder von Cem A. sind um den Trailer aufgestellt. Sie animieren zum Anhalten, stellen aber zugleich kunstbezogene Fragen oder liefern Aussagen; vielleicht auch als Kontaktpunkt zwischen der Öffentlichkeit und der dezentralen Kunstinstitution. Dabei bleibt die Frage bewusst uneindeutig: Wer ist eigentlich die Öffentlichkeit? Wem gehört der öffentliche Raum? In Gevelsberg wird das schnell deutlich: den Kindern.
Der Parkplatz ist gleichzeitig ein Basketballfeld. Kinder nähern sich dem Trailer, nicht zuletzt wegen der Malbücher des Künstlers Stefan Marx, die eigens für die Sammlung der Grand Snail Tour gestaltet wurden. Pro Station gibt es Plakate, die in einem Plakatständer mitgenommen wurden und mitgenommen werden können. Ein performatives Live-Set kommt von dem DJ- und Live-Duo Kerima & normalmap aka Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten. Sie spielen über die gesamte Dauer des Aufenthalts. Der Nachmittag beginnt in Erholungsatmosphäre und endet auch so. Höhepunkt ist das Eintreffen der Wandergruppe. Für die Wandernden stehen Massagestühle bereit – keine künstlerischen Objekte, sondern rein pragmatische Hilfen für die Regeneration.
Zurückkommen
Mit der Langatmigkeit des Projekts wird auch sichtbar, wie sich solche Bewegungen überhaupt dokumentieren lassen. Dabei geht es um Nuancen, die gerade in einer Bewegung von Bedeutung sind und schnell verloren gehen könnten. Zu diesem Zweck arbeitet das Projekt mit Chronist:innen. Für die Stationen 28 und 29 wurde die Künstlerin und Autorin Yevgenia Belorusets eingeladen. Die Chronik ist dabei ein Gastbeitrag: eine zusätzliche, parallele Perspektive auf das Geschehen vor Ort, aber auch auf das Projekt selbst.
Wenn nach drei Jahren alle Stationen durchlaufen sind, wird es eine Ausstellung geben. Interessant wird dabei sein, wie sich die Erfahrungen der drei Jahre darin selbst wiederfinden. Und wie diese Erfahrungen wiederum die Form der Ausstellung prägen. Danach könnte die Reise wohl wieder von neuem in Xanten beginnen. Denn nach drei Jahren wird sich viel verändert haben.
Die Grand Snail Tour bewegt sich durch eine Region, in der mit der Manifesta 16 Ruhr und der Ruhrtriennale 2026 internationale Ausstellungen stattfinden, die sich den gesellschaftlichen, räumlichen und wirtschaftlichen Realitäten des Ruhrgebiets widmen. Die Urbane Künste Ruhr wiederum ist selbst aus den Nachwirkungen der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010 hervorgegangen.
https://www.urbanekuensteruhr.de/
https://www.urbanekuensteruhr.de/grand-snail-tour