Kuratorische Kontaktzonen

Im Jahr 2026 öffnen die Dialogfelder einen kuratorischen Resonanzraum für künstlerische Praktiken im öffentlichen und sozialen Stadtraum. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Kunsträume auf gesellschaftliche Transformation reagieren: auf postindustrielle Umbrüche, neue Nachbarschaften, fragile Öffentlichkeiten und die Rolle von Kultur jenseits großer Metropolen.

Erstmals wird das Residenzprogramm durch eine kuratorische Residenz vorbereitet. Die ausgewählte Person recherchiert in Chemnitz und an Partnerorten in Ost- und Westdeutschland, sammelt Strategien, Perspektiven und Methoden und entwickelt daraus ein übergeordnetes Thema für die Dialogfelder 2027. So entstehen neue Verbindungen zwischen Kunstorten, Stadtgesellschaft und künstlerischer Praxis — lokal verankert, überregional vernetzt und offen für gemeinsame Experimente.

  • Kuratorische Kontaktzonen
    1.04.2026
    31.07.2026
  • 31.05.2026 Die Kartografie eines Schneckenhauses
    Kuratorische Kontaktzonen
    Grand Snail Tour & Urbane Künste Ruhr

    Das Projekt Grand Snail Tour von Urbane Künste Ruhr ist die zweite Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.

    Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.

    Es ist Boulevard Gevelsberg. Die Mittelstraße, sonst Einkaufsstraße, ist für drei Tage ein provisorisches Konglomerat aus den typischen Komponenten, die es braucht, um ein Stadtfest ein Stadtfest sein zu lassen. Als hätte man das Zusammenspiel schon unzählige Male gesehen, kippt die Anordnung in dieser Stadt irgendwie doch ins Unstimmige. Der polnisch-deutsche Künstler Janusz Hajduk-Gubalke hat schon 1989 erkannt, dass diese Kleinstadt nicht leicht lesbar ist. Auf einer Metallplatte am Gevelsberger skulpturalen Stadtzeichen Stadtharfe findet sich das Sator-Quadrat: ein rätselhaftes Schriftbild aus der Antike, das sich in mehrere Richtungen lesen lässt. 

    Wenn man in Gevelsberg ankommt, hat man das Gefühl, dass hier etwas ausfranst. Das liegt daran, dass die westdeutsche Stadt mit ihren knapp 30.000 Einwohner:innen dort liegt, wo das Ruhrgebiet beginnt, sich aufzulösen. Die große Verdichtung des Reviers geht hier in eine Hügellandschaft über und es wirkt hier weder eindeutig wie Pott noch eindeutig wie Bergisches Land. Gevelsberg liegt nicht auf dem Weg, ist aber von Dortmund mit dem Regionalexpress in kurzer Zeit erreichbar. Die Anbindung ist gut, auch in den Abendstunden. Und somit ist Gevelsbergs zweigleisiger Bahnhof Teil der engmaschigen Infrastruktur der Metropole Ruhr und damit wiederum eine von ihren 53 Städten.

    53

    Eine von 53 und gleichzeitig die 29. Das ist keine reale Verwaltungsnummer, sondern die Station einer Tour innerhalb einer Logik, die der Form eines Schneckenhauses folgt: die Grand Snail Tour. Eine dreijährige spiralförmige Bewegung durch das Ruhrgebiet, die alle dazugehörenden Städte besucht. Öffentliche Plätze werden dabei zu temporären Ausstellungsorten, Kunst wird in die Regionen aktiv verlagert. Initiiert wird das Projekt von Urbane Künste Ruhr

    Während das Gehäuse einer Schnecke von innen nach außen wächst, baut sich die Tour von der Peripherie auf einen Mittelpunkt auf. Gestartet in Xanten und somit im Westen des Ruhrgebiets, bewegt sie sich erst in Richtung Norden, folgt dem Osten und führt dann in den Süden. Dies geschieht so lange in Rotation, bis sie Herne erreicht. Herne mit der Nummer 53 ist aber in keiner Weise das erklärte Ziel oder sogar ‚Letzte‘. Auf der Grand Snail Tour steht jede Station gleichermaßen im Fokus. In einer Metropolregion mit fünf Millionen Einwohner:innen gibt es viele Stimmen, und so zeichnen sich mit der Grand Snail Tour alternative Bilder zum Überbau einer Region ab, die vom Kohlebergbau und der Stahlindustrie geprägt ist und bis heute identitätsstiftend wirkt. 

    Was man sieht, wenn man nicht geradeaus geht

    Wie liest man Perspektiven und Tendenzen einer Region? Um die Entwicklungen einer Region nachzuvollziehen, ist es eine weise Herangehensweise, keine geradlinige Perspektive einzunehmen, sondern sich in Windungen zu bewegen. So lässt sich Transformation nachvollziehen. In drei Jahren wird sich Wandel abzeichnen. Nicht nur strukturell. Auch Ergebnisse von Wahlen, die politische Stimmung und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Verschiebungen, werden zu spüren sein. Dem Prinzip von Kreisbewegungen folgend, gelangt man immer wieder in die Nähe einer zuvor besuchten Region. So lassen sich auch Unterschiede von Ort zu Ort über Zeit erkennen. Zeit ist hier ein nicht unbedeutender Faktor. In einem dreijährigen Projekt ist man zwar vergleichsweise langsam, verglichen mit regulären Ausstellungstaktungen, aber nicht starr. 

    Wenn Mobilität zum Ausgangspunkt wird, wird es unweigerlich zur Herausforderung um die Form, die sie annehmen soll. Wie kann ein Ausstellungsraum reisen? Die Antwort fand sich in einem Markttrailer, der für das Projekt adaptiert wurde. Die Stationen finden alle zwei Wochen, meistens donnerstags, statt. Geplant werden sie vier bis sechs Monate im Voraus. Für diese Aufgabe wurde eigens eine kuratorische Position geschaffen, die von Julian Rauter übernommen wird. Die Orte, die lokalen Akteur:innen und das jeweilige Programm werden von dem Team bewusst gewählt – nicht zuletzt aus administrativen Gründen. Gleichzeitig können sich Gegebenheiten ändern, auch spontan. Das auszuhalten gehört zum Projekt und ist vielleicht sogar das, worum es insgeheim geht.

    Die Grand Snail Tour ist also auch das Resultat einer Veränderung im Denken darüber, wie wir Ausstellungen machen. Die einzelnen Stationen sind prozesshaft angelegt. So kann man sich an Änderungen anpassen und auf das reagieren, was unvorhersehbar kommt, sagt Britta Peters, künstlerische Leitung der Urbane Künste Ruhr. Indem man formbarer bleibt und den zeitlichen Druck, der das Ausstellungsmachen oft bestimmt, herausnimmt, entstehen kleinteiligere und differenzierte Formate, die zugleich fordern, die eigene Arbeit immer wieder neu zu befragen und einzuschätzen.

    Tour in der Tour

    Um anzukommen, muss man zunächst losgegangen sein. Deshalb wird der Tag in Gevelsberg zurückgespult. Für die Grand Snail Tour beginnt er rund 15 Kilometer weiter nördlich. 

    Ausgangspunkt ist Sprockhövel, Station Nummer 28. Das verbindende Element – und zugleich die eigentliche künstlerische Intervention des Tages – ist ein Spaziergang mit dem Kölner Künstler Boris Sievert. Von Sprockhövel aus führt der Tagesausflug durch die Region. Sie folgt den Spuren von Transformationen, die sich in Architektur, Infrastruktur und in die Realitäten der Bewohner:innen eingeschrieben haben. Beginnend in der ländlichen Sphäre, führt die Route entlang von Industrielandschaften und quer durch die Stadt. Seit 2000 bietet er über sein Büro für Städtereisen sogenannte Pauschalreisen an, die an Orte führen, die sich ebenso als Nicht-Orte lesen lassen. Sein Reisebüro existiert dabei weniger als Ladenlokal denn als Praxis. 

    Meanwhile in Gevelsberg: Ein ca. sechsköpfiges Team baut den Trailer auf, der mit einem LKW herangefahren wird. Das Setup entsteht innerhalb einer Stunde auf einem Parkplatz in einer Parkanlage an der Ennepe. Alles, was gebraucht wird, wird mitgebracht. Toiletten können an einer nahegelegenen Dönerbude genutzt werden. Mitgekommen sind Arbeiten von Cem A. und Cosima von Bonin. Die Auswahl der Werke aus dem Sammlungsdepot in Bochum folgt keiner festen Ordnung, sondern wird an jeder Station neu getroffen.

    Einige von Cosima von Bonins 7000 Palmen wehen deshalb heute am Trailer. Stoppschilder von Cem A. sind um den Trailer aufgestellt. Sie animieren zum Anhalten, stellen aber zugleich kunstbezogene Fragen oder liefern Aussagen; vielleicht auch als Kontaktpunkt zwischen der Öffentlichkeit und der dezentralen Kunstinstitution. Dabei bleibt die Frage bewusst uneindeutig: Wer ist eigentlich die Öffentlichkeit? Wem gehört der öffentliche Raum? In Gevelsberg wird das schnell deutlich: den Kindern. 

    Der Parkplatz ist gleichzeitig ein Basketballfeld. Kinder nähern sich dem Trailer, nicht zuletzt wegen der Malbücher des Künstlers Stefan Marx, die eigens für die Sammlung der Grand Snail Tour gestaltet wurden. Pro Station gibt es Plakate, die in einem Plakatständer mitgenommen wurden und mitgenommen werden können. Ein performatives Live-Set kommt von dem DJ- und Live-Duo Kerima & normalmap aka Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten. Sie spielen über die gesamte Dauer des Aufenthalts. Der Nachmittag beginnt in Erholungsatmosphäre und endet auch so. Höhepunkt ist das Eintreffen der Wandergruppe. Für die Wandernden stehen Massagestühle bereit – keine künstlerischen Objekte, sondern rein pragmatische Hilfen für die Regeneration.

    Zurückkommen

    Mit der Langatmigkeit des Projekts wird auch sichtbar, wie sich solche Bewegungen überhaupt dokumentieren lassen. Dabei geht es um Nuancen, die gerade in einer Bewegung von Bedeutung sind und schnell verloren gehen könnten. Zu diesem Zweck arbeitet das Projekt mit Chronist:innen. Für die Stationen 28 und 29 wurde die Künstlerin und Autorin Yevgenia Belorusets eingeladen. Die Chronik ist dabei ein Gastbeitrag: eine zusätzliche, parallele Perspektive auf das Geschehen vor Ort, aber auch auf das Projekt selbst. 

    Wenn nach drei Jahren alle Stationen durchlaufen sind, wird es eine Ausstellung geben. Interessant wird dabei sein, wie sich die Erfahrungen der drei Jahre darin selbst wiederfinden. Und wie diese Erfahrungen wiederum die Form der Ausstellung prägen. Danach könnte die Reise wohl wieder von neuem in Xanten beginnen. Denn nach drei Jahren wird sich viel verändert haben. 

    Die Grand Snail Tour bewegt sich durch eine Region, in der mit der Manifesta 16 Ruhr und der Ruhrtriennale 2026 internationale Ausstellungen stattfinden, die sich den gesellschaftlichen, räumlichen und wirtschaftlichen Realitäten des Ruhrgebiets widmen. Die Urbane Künste Ruhr wiederum ist selbst aus den Nachwirkungen der Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010 hervorgegangen.

    https://www.urbanekuensteruhr.de/
    https://www.urbanekuensteruhr.de/grand-snail-tour

  • 29.05.2026 Vom Netz in den Äther
    Kuratorische Kontaktzonen
    Trafohaus; Kassel
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    Das Trafohaus Kassel ist die erste Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.

    Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.

    Transformation beginnt mit Spannung. Und Spannung meint etwas Zwischenzuständliches, also den Übergang von einem bestehenden Zustand in eine neue Form. Dabei ist Spannung kein Ereignis, sondern ein Noch-nicht. Sie ist gespeicherte dynamis: eine Möglichkeit, ein Potenzial. 

    Um elektrische Spannung zu transformieren, entstanden Transformatorenstationen. Die Gebäude, in denen diese Stationen untergebracht waren, nennen sich Trafohäuser. Als Knotenpunkte des Stromnetzes vermitteln sie zwischen überregionaler Energieversorgung und lokaler Nutzung. Sie sind Kleinbauten, die sich immer wieder aufs Neue behaupten müssen, nun da sich die Anforderungen an die Energieinfrastruktur verändert haben. Ihr Überleben liegt in der Fähigkeit zur Verwandlung ihrer selbst. 

    Umschlagplatz

    Das Trafohaus in Kassel ist ein Restbestand der technischen Moderne. Ein Gebäude, das seinen primären Zweck verloren hat. Einmal sogar, musste es vor dem Abriss gerettet werden. Neben seiner ursprünglichen Funktion hat das kleine Haus in fast siebzig Jahren allerdings verschiedene Formen der Versorgung übernommen. Als hätte es geahnt, dass der Moment kommen würde, in dem die Technik schrumpfen und neben dem Gebäude in einer unscheinbaren Kompaktstation Platz finden würde.

    In der Tradition von Verteilung verweist es auf eine bemerkenswerte Kontinuität. Gelegen an einer Kreuzung am Lutherplatz, zwischen verschiedenen Stadtteilen, ist das Haus ein Umschlagplatz. Als Transitort leitete es neben Strom Informationen: Mal war es ein Kiosk, dann ein Telefonhäuschen oder wurde als Postfiliale betrieben. Heute setzt das Trafohaus diese Logik fort, allerdings unter veränderten Vorzeichen. Es ist eine öffentliche Schnittstelle für künstlerische, gestalterische, architektonische und stadtzugewandte Inhalte. Im Trafohaus wird heute publiziert. Es geht um die Verteilung von Wissen, aktiven Dialog und sozialen Austausch. Die Spannung heute bringen Künstler:innen, Autor:innen und Forscher:innen. 

    Ans Netz gehen

    Zusammen mit Gründungsmitglied Malene Saalmann verbringen wir einen Frühlingsnachmittag um das Gebäude. Durch den Verein Nutzungskonzepte e. V. wurde das Trafohaus im Jahr 2019 reaktiviert und somit wieder ans Netz angeschlossen. Wir sitzen auf den fünf Stufen, die das Gebäude zur Hälfte umschließen. In den warmen Monaten finden Veranstaltungen hier im Außenbereich statt. Die Stufen sind Bühne und Tribüne zugleich. Hinter uns ist das ursprünglich für den Verkaufsraum geplante Verkaufsfenster. Aufzeichnungen über den tatsächlichen Betrieb gibt es nicht. Spätestens 2019 aber, wurde der Kiosk dann durch den Verein mit der Installation Profikiosk (2019) aktiviert. Und zuletzt als wöchentlicher, regelmäßiger Treffpunkt im Rahmen des Mittwochskiosk (2024). Beworben wurde er über die im Haus integrierten Plakatwände, ganz simpel: mittwochs kiosk books+radio. 

    Transformationsstationen dienten häufig gleichzeitig als Plakatsäulen und Plakatflächen, so auch das Kasseler Trafohaus. Damit bespielt das Haus den Außenraum und bindet ihn ein. Das Gebäude bekommt so eine ständig wechselnde visuelle Oberfläche. Die Plakatwände können als Bühnenbild für Performances, Lesungen und Konzerte umgewandelt werden. 

    Programme follows form

    Es versteht sich, dass das weiße, frei stehende, eingeschossige Gebäude mit seinen geraden Flächen und ausfallenden Rundungen eine starke Wirkung auf das Programm hat. Das Trafohaus arbeitet weiterhin als Transformator. Dabei bedient es sich schon länger dem Medium Radio. Live-Streaming kann dezentral gedacht werden. Mit der Radiostation kann über lokale Grenzen hinaus kommuniziert werden. Durch ein mehrsprachiges Programm wird überregionaler Bezug hergestellt. In Folgen wie Gottes Wort in deinem Ohr und Auf dem Weg zum Freizeitpark mit djfroggy69 & Malene werden lokale Geschichten häufig über ihren unmittelbaren Kontext hinaus in öffentliche Erzählungen gesetzt.

    Das Trafo.Radio sendet an zwei Mittwochen im Monat und jeden Sonntag auf der Website die Traforadio Listening Session, ausgelagert im Mimikri, einem Projektraum, um die Kasseler Soundszene zu verbinden. Gestreamt werden DJ-Sets, die sich bewusst von klassischen Clubformaten unterscheiden, aber es gibt auch Lecture Performances, in denen Personen ihre aktuellen Recherchethemen vorstellen. In seiner Funktion als sozialer Raum wurde der Kiosk beispielsweise einmal in einer Radioshow in Kooperation mit der Universität Kassel thematisiert. Oder es geht um Kassels Musikszene der 1980er. Manches erschließt sich aber erst vor Ort, meint Malene. Also fahren wir nach Bettenhausen.

    Bettenhausen

    Nach dem Fall der Mauer wurde Kassel zum geografischen Zentrum der Bundesrepublik. Deshalb gibt es den Platz der Deutschen Einheit, über den man nach Bettenhausen gelangt. Der Stadtteil erscheint wie ein Archiv unterschiedlicher Modernisierungsversprechen. An der renaturierten Losse prallen der dörfliche Kern mit markanter, industrieller Weite aufeinander. Hier liest sich die Geschichte Kassels. Als ehemaliges Epizentrum der Textilindustrie galt das Salzmann-Areal, auf dem Zelte und Segeltücher hergestellt wurden. Für die westdeutsche Musikszene war der Ort ein fester Bezugspunkt, unter anderem wegen des Techno-Clubs Stammheim, dem das Trafo.Radio vergangenes Jahr eine Folge gewidmet hat. Zur documenta 8 (1987) wurde der Komplex erstmals als externer Spielort eingenommen. Es folgten weitere Ausgaben der documenta in der Industrieruine.

    Reisebüro

    Am nächsten Tag gehen wir noch einmal zurück ins Trafohaus. Denn auch das Trafohaus war Austragungsort der documenta fifteen (2022). Das weltweite Netzwerk Arts Collaboratory nutzte das Haus als Redaktionsraum. Sich zu vernetzen, Plattform für andere zu sein und Teilhabe zu ermöglichen, ist der Kerngedanke vom Trafohaus. Für die Betreiber:innen ist es wichtig, sich kontinuierlich mit dem Ort auseinanderzusetzen und mehr über seine Geschichte zu recherchieren: Zur Praxis des Trafohauses gehört auch das Dokumentieren. Deshalb hat das Trafohaus auch eine kleine Buchbindewerkstatt und publiziert Bücher im Eigenverlag. Publizieren verstehen sie als Austausch und Konservieren von Wissen. Als selbstorganisierter Kulturort arbeiten sie mit basisdemokratischen Arbeitsprozessen. Dies lässt das Potenzial sich zu wandeln, dynamisch zu bleiben und zu reagieren auf Veränderungen.

    Wir schwenken eine Schneekugel mit der Miniaturansicht der Wilhelmshöhe aus einem Souvenirladen, während wir über die Zukunft des Trafohauses reden. Vielleicht wird es einmal ein Reisebüro.

    https://trafo.haus/

  • 29.05.2026 Willkommen Kristina Miller!
    Kuratorische Kontaktzonen

    Willkommen, Kristina Miller

    Mit Kristina Miller begrüßen wir erstmals eine Kuratorin in den Dialogfeldern. Kristinas Arbeit setzt genau dort an, wo gesellschaftliche Veränderungen sichtbar, spürbar und verhandelbar werden: in Räumen, Milieus, Bildern, Routinen und Brüchen. Wir freuen uns sehr, dass sie mit ihrer kuratorischen Residenz Kuratorische Kontaktzonen eine neue Ebene in das Projekt einbringt – eine beobachtende, fragende und verbindende Perspektive, die den künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.

    Kristina Miller, geboren 1992, lebt und arbeitet als Kuratorin in Berlin. In ihrer Praxis beschäftigt sie sich mit künstlerischen Positionen, die gesellschaftliche Dynamiken, soziale Ordnungen und soziologische Phänomene untersuchen. Ihr besonderes Interesse gilt geschlossenen Systemen und Räumen, entkoppelten Milieus sowie Orten, an denen gesellschaftliche Aushandlungsprozesse besonders verdichtet sichtbar werden.

    Ausgehend von gegenwärtigen Diskursen, die von Radikalisierung, Identitätssuche, Verunsicherung und Resignation geprägt sind, richtet sie ihren Blick auf Räume und Bewegungen, in denen sich neue Formen sozialer Wirklichkeit herausbilden. Kristinas kuratorische Arbeit verbindet analytisch-wissenschaftliche Recherche, Biografiearbeit, Feldforschung und die Auswertung szenetypischer Bildsprachen. Zwischen Offline- und Online-Kulturen interessiert sie sich für soziale Mechanismen, die analoge und digitale Realitäten miteinander verschränken. Ihre Projekte bewegen sich damit zwischen soziologischer Beobachtung, künstlerischer Übersetzung und der Frage, wie Räume unser Zusammenleben prägen.

    Im Rahmen der Dialogfelder besucht Kristina Miller acht Kunsträume in Deutschland – vier in Ost-, vier in Westdeutschland, in urbanen wie peripheren Regionen. Ihre Recherche fragt danach, wie Kunsträume auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Transformationsprozesse reagieren, welche Strategien sie im Umgang mit Brüchen und Veränderung entwickeln und wie daraus neue Verbindungen entstehen können.

    Kristina Miller studierte Soziologie an der Universität Wien und Spatial Strategies an der Kunsthochschule Weißensee Berlin. Für ihre Recherchetätigkeit wurde sie unter anderem mit dem Recherchestipendium der Senatsverwaltung für Kultur und Gesellschaftlichen Zusammenhalt, Berlin, ausgezeichnet. In Zusammenarbeit mit medienübergreifend arbeitenden Künstler:innen entwickelt sie Konzepte, kuratorische Formate und Texte. Als Studioleiterin realisierte sie Werke und Ausstellungen von internationaler Reichweite, unter anderem in Zusammenarbeit mit dem ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik Berlin, dem mumok – Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien, der documenta Kassel, sowie dem bbk Berlin und kommt frisch von einem Kurationsstipendium an der Akademie Schloss Solitude.

    www.kristinamiller.de