Neu-Amerika

  • 13.08.2026 Neu-Amerika
    Kuratorische Kontaktzonen
    Papierfabrik Hohenofen e.V.

    Die Papierfabrik Hohenofen ist die sechste Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.

    Die Projekte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.

    „Im Rückblick erscheint mir diese gegenseitige Nichtbegegnung in so einem kleinen Ort durchaus merkwürdig“, meint Yudai Chiba. Dieser kleine Ort, das ist Sieversdorf-Hohenofen, eine Gemeinde in Ostprignitz-Ruppin und ca. eine Stunde von Berlin entfernt. 

    An der Region selbst hatte der ursprünglich aus Japan stammende Künstler zunächst wenig Interesse. Er fand die Immobilie online, nachdem er sein Atelier für großformatige Projekte in Weißensee wegen gestiegener Kosten aufgeben musste. Sein Hof ist großzügig, einer der Gebäudekomplexe ausgesprochen länglich und verweist dadurch auf einen ehemaligen Milchviehstall. Im Stall stehen nun ein Wohnwagen sowie mehrere Werkzeuge und Maschinen für Stahlarbeiten. Langfristig möchte er diesen Ort ausbauen, den er ursprünglich aus einer Not heraus erworben hatte.

    Wenn man zum ersten Mal mit dem Zug aus Berlin nach Hohenofen kommt, fährt man zwangsläufig durch Neu-Amerika, einem Weiler aus ein paar Häusern und Gehöften. Diese kroteske Ortsbenennung gibt es  in West- wie Ostdeutschland siebenmal und ist Verweis auf die große transatlantische Auswanderungsbewegung des 19. Jahrhunderts. Weggehen implementierte nicht automatisch, dass die Regionen, die verlassen wurden, arm waren. Vielmehr stand Amerika für das Versprechen von sozialen Aufstieg. Migration war Teil einer Zeit, in der Bewegung zum Leben gehörte.

    Die Geschichte Hohenofens ist immer wieder von Bewegung geprägt. Der Ort entstand als industriell geprägte Siedlung. Zunächst bestimmte die Eisenverhüttung seine Entwicklung, später wurde die Papierproduktion zum prägenden Wirtschaftszweig und zum Taktgeber des gemeinschaftlichen Lebens. Die bis heute erhaltene Kegelbahn auf dem Gelände der Papierfabrik ist Sinnbild dieses sozialen Raums, der weit über die Arbeit hinausging.

    Auch für Yudai Chiba hat die Papierfabrik eine soziale Funktion. Erst nachdem er die Akteur:innen hinter dem heutigen Verein kennengelernt hatte, fühlte er sich mit dem Ort zunehmend mehr verbunden und meint, dass „es schwieriger wurde, ihn wieder zu verlassen”.  

    Groß gespannte Banner an den Außenfassaden zeigen Fotografien der Fabrik und der Arbeiter:innen aus der Zeit, in der sie noch aktiv war. Das Industriedenkmal soll erinnern an die Industriegeschichte der Region, die im Zuge des Mauerfalls dann schließlich 1992 ihr Ende nahm und mit ihr auch der Zerfall des öffentlichen, gesellschaftlichen Lebens. Deshalb engagiert sich der Verein mit der Reaktivierung des Geländes als Begegnungsort. Die Initiator:innen sprechen von einer “Kulisse” für kulturelle Veranstaltungen.

    Hohenofen und die Fabrik in seiner künstlerischen Arbeit zu thematisieren, plant Chiba für das kommmende Jahr nicht zuletzt, weil die anfängliche Nichtbegegnung für ihn Fragen aufwirft: „Vielleicht gibt es dafür bestimmte Gründe, über die es sich nachzudenken lohnt.“ Da die Dokumentation der Begegnungen und des Austauschs mit den Menschen aus der Region dabei eine zentrale Rolle spielen wird, denkt Chiba auch darüber nach, einen kleinen Cafébereich als Ort der Begegnung in seinem Atelier zu integrieren. Austausch bedeutet für ihn auch, sich mit Erinnerungen auseinanderzusetzen. 

    In seiner künstlerischen Praxis beschäftigt sich Chiba immer wieder mit dem Thema der Erinnerung. Auch im Hinblick auf Hohenofen setzt er sich mit der Frage auseinander, was geschieht, wenn Menschen von außen in eine Region ziehen und dort leerstehende Gebäude neu beleben – so wie er selbst im Jahr 2020. Darin sieht er nicht nur eine Möglichkeit für die Zukunft des Ortes, sondern auch einen Prozess, in dem Erinnerungen verloren gehen können: „Ländliche Regionen sind besonders stark von Überalterung und dem Rückgang der Haushalte betroffen. Die Aufrechterhaltung der Einwohner:innen hängt zunehmend vom Zuzug neuer Bewohner:innen ab. Gleichzeitig glaube ich, dass durch den Wechsel von Menschen innerhalb und außerhalb der Region auch Erinnerungen verloren gehen. Ein Haus steht plötzlich leer, aber wer hat dort eigentlich gelebt? Und wenn es niemand mehr weiß, finde ich das traurig.“ 

    Neu ist die Gemeinde nie für alle. Und deshalb geht es auch darum, diejenigen in die neue Ära der Papierfabrik und in die dort entstehenden Zusammenkünfte einzubeziehen, die sich einst mit der Fabrik identifizierten, als sie noch ihr Arbeitgeber war. Darin liegt eine wiederkehrende, ortsunabhängige Herausforderung: Wie kann Zuzug behutsam gestaltet werden, ohne diejenigen aus dem Blick zu verlieren, die einen Ort und seine Geschichte geprägt haben? Und wie lässt sich zugleich neues Engagement für das Gemeindeleben fördern? Hohenofen jedenfalls zeigt, wie das möglich sein kann.

    https://papierfabrik-hohenofen.de/