Die Kartografie eines Schneckenhauses

  • 31.05.2026 Die Kartografie eines Schneckenhauses
    Kuratorische Kontaktzonen
    Grand Snail Tour & Urbane Künste Ruhr

    Das Projekt Grand Snail Tour von Urbane Künste Ruhr ist die zweite Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.

    Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.

    Es ist Boulevard Gevelsberg. Die Mittelstraße, sonst Einkaufsstraße, ist für drei Tage ein provisorisches Konglomerat aus den typischen Komponenten, die es braucht, um ein Stadtfest ein Stadtfest sein zu lassen. Als hätte man das Szenario schon tausendmal gesehen, kippt die Anordnung in dieser Stadt irgendwie doch ins Unstimmige. Der polnisch-deutsche Künstler Janusz Hajduk-Gubalke hat schon 1989 erkannt, dass diese Kleinstadt nicht leicht lesbar ist. Auf einer Metallplatte am Gevelsberger Stadtzeichen Stadtharfe findet sich das Satorquadrat: ein rätselhaftes Schriftbild aus der Antike, das sich in mehrere Richtungen lesen lässt. 

    Wenn man in Gevelsberg ankommt, hat man das Gefühl, dass hier etwas ausfranst. Das liegt daran, dass die westdeutsche Stadt mit ihren knapp 30.000 Einwohner:innen dort liegt, wo das Ruhrgebiet beginnt, sich aufzulösen. Die große Verdichtung des Reviers geht hier in eine Hügellandschaft über und es wirkt hier weder eindeutig wie Pott noch eindeutig wie Bergisches Land. Gevelsberg liegt nicht auf dem Weg, ist aber von Dortmund mit dem Regionalexpress in kurzer Zeit erreichbar. Die Anbindung ist gut, auch in den Abendstunden. Und somit ist Gevelsbergs zweigleisiger Bahnhof Teil der engmaschigen Infrastruktur der Metropole Ruhr und damit wiederum eine von ihren 53 Städten.

    53

    Eine von 53 und gleichzeitig Nummer 29. 29 ist dabei keine reale Verwaltungsnummer, sondern eine Station innerhalb einer Logik, die der Form eines Schneckenhauses folgt: die Grand Snail Tour. Eine dreijährige spiralförmige Bewegung durch das Ruhrgebiet, die alle 53 Städte besucht. Öffentliche Plätze werden dabei zu temporären Ausstellungsorten, Kunst wird in die Regionen aktiv verlagert. Initiiert wird das Projekt von Urbane Künste Ruhr

    Die Tour wächst nicht entlang einer linearen Strecke, sondern in Windungen. Und das in umgekehrter Richtung: während das Gehäuse einer Schnecke von innen nach außen wächst, bewegt sich die Tour von der Peripherie auf einen Mittelpunkt zu. Gestartet in Xanten und somit im Westen des Ruhrgebiets, bewegt sie sich erst in Richtung Norden, folgt dem Osten und führt dann in den Süden. Dies geschieht so lange in Rotation, bis sie Herne erreicht. Herne mit der Nummer 53 ist aber in keiner Weise das erklärte Ziel oder sogar ‘Letzte’. Auf der Grand Snail Tour steht jede Station gleichermaßen im Fokus. In einer Metropolregion mit fünf Millionen Einwohner:innen gibt es viele Stimmen, und so zeichnen sich mit der Grand Snail Tour alternative Bilder zum Überbau einer Region ab, die vom Kohlebergbau und der Stahlindustrie geprägt ist und bis heute identitätsstiftend wirkt. 

    Was man sieht, wenn man nicht geradeaus geht

    Wie liest man Perspektiven und Tendenzen einer Region? Um die Entwicklungen einer Region nachzuvollziehen, ist es eine weise Herangehensweise, keine geradlinige Perspektive einzunehmen, sondern sich kreisförmig zu bewegen. So lässt sich Transformation nachvollziehen. In drei Jahren wird sich Wandel abzeichnen. Nicht nur strukturell. Auch Ergebnisse von Wahlen, also die politische Stimmung und den damit einhergehenden gesellschaftlichen Verschiebungen, werden zu spüren sein. Dem Prinzip von Kreisbewegungen folgend, gelangt man immer wieder in die Nähe einer zuvor besuchten Region. So lassen sich auch Unterschiede von Ort zu Ort über Zeit erkennen. Zeit ist hier ein nicht unbedeutender Faktor. In einem dreijährigen Projekt ist man zwar vergleichsweise langsam, verglichen mit regulären Ausstellungsbetrieben, aber nicht starr. Es geht schließlich nicht nur um die Frage, wer zu wem kommt, sondern auch darum, wie man kommt und wie lange man bleibt.

    Denn wenn Mobilität zum Ausgangspunkt wird, wird es unweigerlich zur Herausforderung um die Form, die sie annehmen soll. Wie kann ein Ausstellungsraum reisen? Die Antwort fand sich schließlich in einem Art-Markttrailer, der eigens für das Projekt umgebaut wurde. Die Stationen finden alle zwei Wochen, meistens donnerstags, statt. Geplant werden sie vier bis sechs Monate im Voraus. Für diese Aufgabe wurde eigens eine kuratorische Position geschaffen, die von Julian Rauter übernommen wird. Die Orte, die lokalen Akteur:innen und das jeweilige Programm sind bewusst gewählt – nicht zuletzt aus administrativen Gründen. Gleichzeitig können sich Gegebenheiten ändern, auch spontan. Das auszuhalten gehört zum Projekt und ist vielleicht sogar das, worum es insgeheim geht.

    Die Grand Snail Tour ist also auch das Resultat einer Veränderung im Denken darüber, wie wir Ausstellungen machen. Die einzelnen Stationen sind prozesshaft angelegt. So kann man sich an Änderungen anpassen und auf das reagieren, was unvorhersehbar kommt, sagt Britta Peters, künstlerische Leitung der Urbane Künste Ruhr. Indem man formbarer bleibt und den zeitlichen Druck, der das Ausstellungsmachen oft bestimmt, herausnimmt, entstehen kleinteiligere und differenzierte Formate, die zugleich fordern, die eigene Arbeit immer wieder neu zu befragen und einzuschätzen.

    Tour in der Tour

    Um anzukommen, muss man zunächst losgegangen sein. Deshalb wird der Tag zurückgespult. Für die Grand Snail Tour beginnt er rund 15 Kilometer weiter nördlich. 

    So werden heute zwei Stationen miteinander verbunden. Das verbindende Element – und zugleich die eigentliche künstlerische Intervention dieses Tages – ist ein Spaziergang mit dem Kölner Künstler Boris Sievert. Seit 2000 bietet er über sein „Büro für Städtereisen“ sogenannte Pauschalreisen an, die an Orte führen, die sich ebenso als Nicht-Orte lesen lassen. Ein klassisches Reisebüro, wie man es aus Innenstädten kennt, hat er nicht.

    Ausgangspunkt ist Spröckhovel mit der Nummer 28; von dort aus geht der Tagesausflug durch die Region. Er folgt ihren Transformationen, weniger einer festen Route als einem Interesse an Übergängen. details+

    Meanwhile in Gevelsberg: ein ca. sechsköpfiges Team baut den Trailer auf, der mit einem Laster herangefahren wird. Das Setup entsteht innerhalb einer Stunde auf einem Parkplatz in einer Art Parkanlage an der Ennepe. Bestehende Räume werden dabei relativ simpel aktiviert. Alles, was gebraucht wird, wird mitgebracht. Toiletten können an einer nahegelegenen Dönerbude genutzt werden.Mitgekommen sind Arbeiten von Cem A. und Cosima von Bonin, die aus dem Sammlungs-Depot in Bochum stammen und pro Station ausgewählt werden.

    Einige von Cosima von Bonins 7000 Palmen wehen am Trailer. Stoppschilder von Cem A. sind um den Trailer aufgestellt – sie animieren zum Anhalten, stellen aber zugleich kunstbezogene Fragen. Dabei ist nicht ganz eindeutig: Wer ist eigentlich die Öffentlichkeit, die hier adressiert wird? Wem gehört der öffentliche Raum? In Gevelsberg wird das schnell deutlich: den Kindern.

    Der Platz ist gleichzeitig ein Basketballfeld. Die Kinder nähern sich schnell dem Trailer, nicht zuletzt wegen der Malbücher des Künstlers Stefan Marx, die eigens für die Sammlung der Grand Snail Tour gestaltet wurden. Pro Station gibt es Plakate, die in einem Plakatständer mitgenommen wurden und mitgenommen werden können. Ein performatives Live-Set kommt von dem DJ- und Live-Duo Kerima & normalmap aka Jana Kerima Stolzer und Lex Rütten. Sie spielen über die gesamte Dauer des Aufenthalts. Der Nachmittag beginnt in Erholungsatmosphäre und endet auch so. Höhepunkt ist das deutlich verspätete Eintreffen der Wandergruppe. Für die Wandernden stehen Massagestühle bereit – keine künstlerischen Objekte, sondern rein pragmatische Hilfen für die Regeneration.

    Zurückkommen

    Wie eine Schnecke, hinterlässt das Projekt Spuren. Im Idealfall an den jeweiligen Orten, aber ebenso als Frage danach, wie sich ein solches Langzeitprojekt überhaupt abbilden und dokumentieren lässt: Was ist in diesen drei Jahren geschehen? Dabei geht es um Nuancen, die gerade in einer Bewegung von Bedeutung sind und schnell verloren gehen könnten. Zu diesem Zweck arbeitet das Projekt mit Chronist:innen. Für die Stationen 28 und 29 wurde die Künstlerin und Autorin Yevgenia Belorusets eingeladen. Die Chronik ist dabei ein Gastbeitrag: eine zusätzliche, parallele Perspektive auf das Geschehen vor Ort, aber auch auf das Projekt selbst. 

    Wenn nach drei Jahren alle Stationen durchlaufen sind, wird es eine Ausstellung geben, die das Projekt noch einmal bündelt. Interessant wird dabei sein, wie sich die Erfahrungen der drei Jahre selbst darin wiederfinden. Und wie diese Erfahrungen wiederum die Form der Ausstellung prägen.Danach könnte die Reise wohl wieder von neuem in Xanten beginnen. Denn in drei Jahren hat sich viel verändert. 

    Während die Tour läuft, passiert im Ruhrgebiet vieles parallel. In diesem Jahr finden die Manifesta 16 Ruhr und die Ruhrtriennale statt. In Nordrhein-Westfalen wird 2027 die alle zehn Jahre stattfindende Ausstellung Skulptur Projekte Münster eröffnet. Die Urbane Künste Ruhr ist aus der Welle der Kulturhauptstadt Europas 2010 hervorgegangen.

     

    https://www.urbanekuensteruhr.de/
    https://www.urbanekuensteruhr.de/grand-snail-tour