- 19.10.2026 Was bleibtKuratorische Kontaktzonen15890 Eisenhüttenstadt
Eisenhüttenstadt ist die achte Station einer Recherche zu insgesamt neun Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.
Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.
Am Bahnhof kommt eine Architekturklasse mit dem RE aus Cottbus an. Die Studierenden besuchen die Planstadt im Rahmen einer Exkursion. Solche Besuche gibt es regelmäßig in Eisenhüttenstadt und dauern meist einen Tag. Am selben Abend reist die Gruppe wieder ab.
Im Jahr 2025 rief Eisenhüttenstadt zum Probewohnen auf. Mehr als 1.700 Bewerbungen aus vielen Nationen gingen ein, zwölf Menschen sollen anschließend geblieben sein. Offenbar ging der Plan auf, den CNN wie folgt betitelte: “This German Town wants to lure new Residents with Free Accommodation”. Ein durchaus fairer Deal, der allerdings aus einer Divergenz entstanden ist: einst für 100.000 Einwohner:innen geplant, leben heute, also 36 Jahre später, weniger als 25.000 Menschen in Eisenhüttenstadt. Der heutige Wohnbedarf ist deutlich geringer als die Zahl der Wohnungen, die in den zwischen den 1950er- und 1980er-Jahren entstandenen Mustersiedlungen gebaut wurden. All diese Wohnungen, sie waren ursprünglich für den „Neuen Menschen“ gedacht, den Eisenhüttenstadt hervorbringen würde.
Der „Neue Mensch“ bezeichnet ein Leitbild, das insbesondere in den ersten Jahren der DDR prägend war. Dahinter stand die Vorstellung, dass sich durch humane gesellschaftliche Bedingungen und eine auf Gemeinschaft ausgerichtete Arbeitswelt ein Mensch mit verändertem Wesen und positivem Charakter herausbilden ließe. Vor allem für junge Menschen sollte dieses Ideal als Orientierungsfunktion dienen.
Wie man sich zu orientieren hat, das ist in einer Planstadt vorgegeben. Als Symbol für die sozialistische Utopie hatte die Stadt eine klare Funktion. Und mit ihr auch wie zu Leben. Bewohner:innen sollten sich mit dem Stahlwerk Eisenhüttenkombinat Ost identifizieren, um das die Stadt geplant wurde. Insbesondere die männliche Jugend sollte von der Stalinstadt begeistert sein. Eisenhüttenstadt wurde seine Monofunktionalität jedoch zum Verhängnis. Mit der Wiedervereinigung wurden massenhaft Stellen gestrichen. Gegenteilig war die Jugend der Nachwendezeit von Orientierungslosigkeit geprägt. Heute ist diese junge Stadt demografisch sehr alt. Durch die Abwanderung jüngerer Menschen weist Eisenhüttenstadt einen hohen Altersdurchschnitt auf.
Die Junioren des FSV Dynamo Eisenhüttenstadt e. V. spielen an diesem Herbstsamstag gegen die SG Borussia Fürstenwalde. Der Sportplatz liegt mitten in einem Wohngebiet des V. Wohnkomplexes, unweit des Platzes der Jugend. In den 1960er-Jahren ursprünglich als Zentrum geplant, sollte er ein Ort des Alltags, der Begegnung und der Versorgung sein. Heute ist er von Leerstand geprägt. Dabei lagen die Hoffnungen in Eisenhüttenstadt doch gerade auf der Jugend.
Welche Voraussetzungen muss eine Stadt schaffen, damit junge Menschen sich mit ihr identifizieren, in ihr bleiben, zurückkehren und an ihrer zukünftigen Entwicklung teilnehmen können? Im Rahmen des Projekts Auf den Platz, Fertig, Los! entwickelten Miodrag Kuč vom ZK/U – Zentrum für Kunst und Urbanistik, Berlin und der Architekt Martin Maleschka im Jahr 2023 gemeinsam mit dem Museum Utopie und Alltag, Eisenhüttenstadt sowie weiteren städtischen Akteur:innen Formate zur Beteiligung von Jugendlichen. Die leerstehenden und teilweise eingestürzten, denkmalgeschützten Gebäude wurden durch eine szenografische Inszenierung aus einer Art Bühnenbild durch große transparente Drucke mit Aufnahmen aus der Zeit, als der Platz der Jugend noch aktiv genutzt und belebt waren, ergänzt. Mithilfe des historischen Archivmaterials wurde die frühere Nutzung des Ortes wieder vorstellbar. Der Blick auf Vergangenes ist Ausgangspunkt, um neue Zukunftsperspektiven für den Ort zu erdenken.
2026 wurde eine andere Form der Neubelebung erprobt. Ausgangspunkt ist erneut der Platz der Jugend, diesmal der Club am Anger. Der Club war über Jahrzehnte ein zentraler sozialer und kultureller Treffpunkt. Hier gab es Schulspeisung, eine Gaststätte und ein Tanzlokal. An die frühere kulturelle Bedeutung des Ortes wurde angeknüpft, indem er erstmals als Arbeits- und Begegnungsort für Künstler:innen fungierte. Von Frühling bis Herbst lebten und arbeiteten im Rahmen der SAAT Residency insgesamt vier Tandems aus jeweils zwei Kunstschaffenden für jeweils sechs Wochen in Eisenhüttenstadt. Die Residency wurde von ehemaligen Studierenden der Weißensee Kunsthochschule Berlin organisiert. Die Wohnung und der Arbeitsraum im Club in Anger wurden den Künstler:innen temporär von der Eisenhüttenstädter Wohnungsbaugenossenschaft e.G. zur Verfügung gestellt, die den größten Teil der Wohnungen im WK V betreibt. Der Club am Anger diente als Atelier, Arbeits- und Präsentationsraum und war werktags von 10 bis 18 Uhr öffentlich zugänglich. Die künstlerische Arbeit beschränkte sich jedoch nicht auf die Produktion von Werken. Schnell, so die Beobachtung, rückte vielmehr die Aktivierung des Ortes durch alltägliche Praktiken des Zusammenkommens in den Vordergrund. Gemeinsames Kochen und Essen, Kaffee und Kuchen prägten die Nutzung des Clubs am Anger vorrangig. Die Residency entwickelte sich damit nicht allein zu einem Raum künstlerischer Produktion, sondern ebenso zu einem sozialen Begegnungsort. Bei der Veranstaltung Geteilte Ansichten standen einen Abend lang Fragen nach Arbeit, Erinnerung und der Verbundenheit von Menschen mit der Stadt und dem Club am Anger im Mittelpunkt. Im gemeinsamen Betrachten von mitgebrachten Fotografien, historischem Archivmaterial und Filmen, begleitet von Kaffee und Gesprächen, wurden persönliche Erinnerungen zusammengeführt.
Doch auch andere Akteur:innen nutzen den Club am Anger wieder. Erst vor drei Wochen, am 3. Oktober, wurde hier gemeinsam der Tag der Deutschen Einheit gefeiert, erzählt ein Anwohner. Auch die bauliche Auseinandersetzung mit der Vergangenheit des Ortes trägt dazu bei, historische Spuren wieder sichtbar zu machen: Im vergangenen Jahr wurden Tapetenschichten abgetragen, hinter denen sich Wandbilder mit sozialistischen Bildmotiven verbargen. Während die Reaktivierung darauf abzielt, bestehende Gebäude neu zu nutzen und ihre Geschichte sichtbar zu machen, gibt es brachialere Strategien, um mit Leerstand umzugehen.
Um die Diskrepanz zwischen vorhandenem Wohnraum und tatsächlichem Bedarf zu verringern, kommt es zum Abriss ganzer Wohnblöcke. Wie in Chemnitz, wo unter anderem die Großwohnsiedlung Fritz Heckert vom Rückbau betroffen ist, werden auch in Eisenhüttenstadt Wohngebäude rückgebaut. Unter der Leitung des Architekten Martin Maleschka wurde 2026 mit dem Projekt Platte Platte ein leerstehender Wohnblock in der Mittelschleuse 9 noch einmal belebt. In der WBS-70-Platte setzten sich rund 50 Künstler:innen mit dem Leben in dieser Wohnform auseinander. Ihre Arbeiten fanden sich in den einzelnen Wohnungen, auf Tapeten, Linoleumböden und anderen Oberflächen. Auch Fotografien aus Familienarchiven erzählen vom Aufwachsen in der Platte.
Die Frage, was Menschen zum Bleiben bewegt, zieht sich durch die unterschiedlichen Strategien im Umgang mit der Stadt: vom Probewohnen über die Beteiligung Jugendlicher bis hin zu künstlerischen Residenzen und dem Rückbau von Wohnraum. Die Ansätze unterscheiden sich, kreisen aber um dasselbe Problem: Wie lässt sich eine Stadt an veränderte Bedürfnisse anpassen? Damit stellt sich auch die Frage nach dem Verhältnis von Kommen und Gehen.
https://www.saat-residency.de/
https://www.zku-berlin.org/de/projekte/auf-den-platz-fertig-los/