- 17.07.2026 Zweite PubertätKuratorische KontaktzonenNoch Nicht: Utopie im Entstehen & Kunstverein Ludwigshafen
Der Kunstverein Ludwigshafen ist die dritte Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.
Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.
Wenn man regelrecht nach einer Stadt sucht, die noch-nicht ist, dann sucht man nach einer Möglichkeit. Wer Ende der 1960er-Jahre nach dieser Möglichkeit Ausschau hielt, war ein Kölner Unternehmer, um seine private Kunstsammlung in eine öffentliche Adresse zu überführen. Die Kriterien für das Vorhaben waren allerdings eigensinnig: der Ort sollte keinen Bezug zu gesetzten Kunstszenen in der BRD haben, er sollte industriell und somit Arbeiter:innen-geprägt sein, aber gleichzeitig gastfreundlich gegenüber mittelalterlichen und modernen Kunstwerken. Als „kulturelle Initialzündung“ sollte das Wilhelm-Hack-Museum Einzug finden.
Ludwigshafen war dafür vermeintlich der denkbar passende Ort und zudem programmatisch: eine junge Industriestadt aus Beton, Wiederaufbau und Schichtarbeit. Dass ihre Stadt für den Museumsneubau ausgewählt worden war, empfanden Teile der Bevölkerung jedoch als provokant. Ausgaben der Kommune für abstrakte Kunst in einer Industriestadt wurden als provokant empfunden und abgelehnt. Hack scheiterte über Jahrzehnte an dem Standort, den er selbst gewählt hatte. Der Konflikt drehte sich weniger um die Kunst an sich als um die Frage, wer öffentliche Kultur braucht und finanziert.
Im Sommer 2026 stellt der Kunstverein Ludwigshafen ähnliche Fragen. Im Rahmen des Jahresprogramms und in Zusammenarbeit mit dem New Yorker Künstler Noah Fischer wird die Stadtgesellschaft adressiert. Eine Litfaßsäule fragt: What should this city be an example of? Eine Stadt als Vorbild, die ohne die Chemie in ihrer heutigen Form wohl nie entstanden wäre und heute zu den höchstverschuldeten Kommunen Deutschlands zählt.
Über Ludwigshafen zu sprechen, heißt für den Kunstverein, in den öffentlichen Raum zu gehen. Von Mai bis September entsteht ein Parcours und mit ihm ein Diskurs mit verschiedenen Stationen im Stadtgebiet, der unterschiedliche Perspektiven auf Ludwigshafen eröffnet. Gleichzeitig ist das Projekt aber auch eine Identitätssuche. Ameli Klein, Leiterin des Kunstvereins, spricht von einer zweiten Pubertät der Stadt.
Das Noch-nicht-Sein und das, was sich erst formt, sind in Ludwigshafen weniger Ausnahme als ein wiederkehrender Zustand. Immer wieder und immer noch sieht sich die Stadt mit den Folgen unterschiedlicher Strukturwandelprozessen konfrontiert. Für den in der Stadt geborenen Philosophen Ernst Bloch bedeutete Transformation, verborgene und erträumte Möglichkeiten in gesellschaftliche Wirklichkeit zu überführen. Veränderung ist in der materiellen Welt angelegt und Utopien entstehen aus dem Vorhandenen. Das Programm des Kunstvereins Noch Nicht: Utopie im Werden nimmt sich dem offenen Zukunftsbegriff Blochs an und untersucht, wie sich Wandel manifestiert; was sich konkret verändert.
Donnerstagabends, bei der Vernissage In Bewegung, bekommt man ein gutes Gespür für das Momentum der Stadt. Ludwigshafen ist ein Zeitzeugnis der Nachkriegsmoderne, die sich architektonisch in strengen, reduzierten Fassaden ausdrückt. Mit ihren klaren Linien wirkt die Stadt abgeklärt. Sie ist rough und ihre kompromisslose Funktionalität zeugt von dem Glauben an gesellschaftlichen Fortschritt. Das Stadtbild Ludwigshafens ist eine ehrliche Antwort der Moderne auf die Herausforderungen ihrer Zeit.
Dem Zukunftsversprechen, und dem, was davon geblieben ist, widmet sich die US-amerikanische Künstlerin Katarina Burin. Im öffentlichen Raum untersucht sie die Relikte der Nachkriegsarchitektur und fragt, was Moderne bedeutet, wenn sie sich nicht mehr modern anfühlt. Dafür hat sie Fassadenelemente und Charakteristika von Gebäuden der Innenstadt in eigenständige Skulpturen übersetzt. Eine ortsspezifische Produktion entstand auf dem Vorplatz eines Kulturzentrums in der Bahnhofstraße. Dann führt der Parcours weiter in eine typische deutsche Einkaufsstraße, mit typischen Leerstand. Flaggen an den Fahnenmasten der Bismarckstraße reflektieren die gegenüberliegenden Fassaden. Katinka Eichhorn greift die Architektur der Umgebung auf und spiegelt sie als Textilarbeit. In den Schaufenstern einer ehemaligen Modekette zeigen Emmélie Lempert und Haru Apa Nyx Bildobjekte, die den weiblichen Körper im öffentlichen Raum thematisieren. Sie verhandeln Fragen von Sichtbarkeit: Wer bestimmt den Blick und welche Machtverhältnisse schreiben sich in öffentliche Bilder von Körpern ein?
Der Blick auf den Körper im öffentlichen Raum ist immer auch ein Blick auf die Strukturen, die ihn hervorbringen und regulieren. Diese Verbindung von Sichtbarkeit und Kontrolle führt Coco Fuscos Videoinstallation ein Schaufenster weiter, indem sie die Perspektive des Kontrollsystems selbst zum Gegenstand macht. In Dolores from 10 to 10 rekonstruiert Fusco anhand von Überwachungsaufnahmen den Fall einer mexikanischen Maquiladora-Arbeiterin, die zwölf Stunden lang eingesperrt wurde, nachdem sie eine Gewerkschaft gründen wollte. In einer weiteren Videoarbeit Utopia, The Place That Doesn’t Exist reagiert Driton Selmani auf die politische Neuordnung des Kosovo nach der Unabhängigkeitserklärung von 2008. Eine scheinbar einfache Handlung im öffentlichen Raum von Prishtina wird zum Ausgangspunkt für eine Reflexion über Grenzen, Zugehörigkeit und die widersprüchliche Idee einer nationalen Utopie.
Nur wenige Meter weiter, im utopisch-dystopisch anmutenden Eingangsbereich einer Straßenbahnhaltestelle, erklingt die Soundinstallation von Gabriela Pelczarska. Aus verfremdeten Motorengeräuschen entwickelt sie einen klanglichen Raum. Mit ihrer Arbeit verweist sie zugleich auf den bevorstehenden Umbau des oberirdischen Straßenraums: Über der Haltestelle standen einst das alte Rathaus und das Rathaus-Center, die inzwischen abgerissen wurden.
Ludwigshafen erscheint als Stadt im permanenten Aushandlungsprozess und die sich immer wieder neu justiert. Veränderungen folgen keinen eindeutigen Zügen, sondern entstehen aus der Überlagerung verschiedener Zeitschichten, Interessen und städtebaulicher Visionen. Der Diskurs nach Notwendigkeiten und Ressourcennutzung führt zur vierten Station der Vernissage an die Rheinpromenade, zu Raul Walchs Blochbrunnen. Eine temporäre Installation, die den Grundriss des ehemaligen Ludwigsbrunnens aufgreift und in eine skulpturale Intervention übersetzt. An einem Ort, an dem die Flächen nahezu vollständig versiegelt sind und der Rhein an den heißen 40-Grad-Sommertagen spürbar Niedrigwasser führt, lenkt die Arbeit den Blick auf die Zirkulation und Verfügbarkeit von Wasser. Der Boden des Brunnens ist mit mehrsprachigen Wortfragmenten und Zitaten von Ernst Blochs Prinzip Hoffnung versehen.
Vielleicht liegt genau im Prinzip der Zuversicht die Aktualität des Noch-Nicht: Wer nach Möglichkeiten sucht, muss Orte aufsuchen, an denen das Gegenwärtige über sich selbst hinausweist und seine noch ungenutzten Richtungen erkennen lässt. Die Schauplätze aufzusuchen, an denen gesellschaftliche Aushandlungsprozesse stattfinden, folgt der Überzeugung, dass Öffentlichkeit und Teilhabe nicht allein in Institutionen entstehen, sondern dort, wo unterschiedliche Lebensrealitäten aufeinandertreffen und Veränderung bereits Gestalt annimmt.
Dass der Kunstverein Ludwigshafen diesen Weg wählt, ist nicht nur ein kuratorisches Prinzip, sondern ergibt sich auch aus einer Übergangssituation: das Ludwig-Reichert-Haus, sein eigentlicher Ort, wird derzeit umgebaut.
https://www.kunstverein-ludwigshafen.de/








