Das Trafohaus Kassel ist die erste Station einer Recherche zu insgesamt acht Kunsträumen, Kunstvereinen und Initiativen in Ost- und Westdeutschland, die den Dialogfeldern und künstlerischen Residenzen 2027 vorausgeht.
Die Orte verbindet, dass sie in Gemeinden und Regionen arbeiten, die auf unterschiedliche Weise von Transformationsprozessen geprägt sind. Im Zentrum steht der Austausch darüber, wie sie auf gesellschaftliche, räumliche und strukturelle Veränderungen reagieren und welche Strategien sie dafür entwickeln.
Transformation beginnt mit Spannung. Und Spannung meint etwas Zwischenzuständliches, also den Übergang von einem bestehenden Zustand in eine neue Form. Dabei ist Spannung kein Ereignis, sondern ein Noch-nicht. Sie ist gespeicherte „dynamis“: eine Möglichkeit, ein Potential.
Um elektrische Spannung zu transformieren, entstanden Transformationsstationen, kurz Trafohäuser. Als Knotenpunkte des Stromnetzes vermitteln sie zwischen überregionaler Energieversorgung und lokaler Nutzung. Sie sind Kleinbauten, die sich immer wieder aufs Neue behaupten müssen, nun da sich die Anforderungen an die Energieinfrastruktur verändert haben. Ihr Überleben liegt in der Fähigkeit zur Verwandlung ihrer selbst.
Umschlagplatz
Das Trafohaus in Kassel ist so ein Restbestand der technischen Moderne. Ein Gebäude, das seinen primären Zweck verloren hat. Einmal sogar, musste es vor dem Abriss gerettet werden. Neben seiner ursprünglichen Funktion hat das kleine Häuschen in fast siebzig Jahren allerdings verschiedene Formen der Versorgung übernommen. Als hätte es geahnt, dass der Moment kommen wird, in der die Technik schrumpfen wird und neben dem Gebäude in einer unscheinbaren Kompaktstation Platz findet.
In der Tradition von Verteilung verweist es auf eine bemerkenswerte Kontinuität. Gelegen an einer Kreuzung am Lutherplatz, zwischen verschiedenen Stadtteilen, ist das Haus ein Umschlagplatz. Als Transitort leitete es neben Strom Informationen: mal war es ein Kiosk, dann ein Telefonhäuschen oder wurde als Postfiliale betrieben. Heute setzt das Trafohaus diese Logik fort, allerdings unter veränderten Vorzeichen. Es ist eine öffentliche Schnittstelle für künstlerische, gestalterische, architektonische und stadtzugewandte Inhalte. Im Trafohaus wird heute Kommunikation organisiert, verstärkt und ausgesendet. Es geht um die Verteilung von Wissen, aktivem Dialog und sozialen Austausch. Die Spannung heute bringen Künstler:innen, Autor:innen und Forscher:innen.
Ans Netz gehen
Zusammen mit Gründungsmitglied Malene Saalmann verbringen wir einen Frühlingsnachmittag um das Gebäude. Bevor das Trafohaus 2019 vom Verein Nutzungskonzepte e.V. reaktiviert wurde, musste zunächst Strom verlegt werden, erzählt sie. Ein Trafohaus ohne Elektrizität wäre schließlich skurril gewesen. Wir sitzen auf den fünf Stufen, die das Gebäude zur Hälfte umschließen. In den warmen Monaten finden Veranstaltungen hier im Außenbereich statt. Die Stufen sind Bühne und Tribüne zugleich. Hinter uns ist das ursprünglich für den Verkaufsraum geplante Verkaufsfenster. Aufzeichnungen über den tatsächlichen Betrieb gibt es bislang nicht. Spätestens 2019 wurde der Kiosk dann durch den Verein mit der Installation Profikiosk (2019) aktiviert. Und zuletzt als wöchentlicher, regelmäßiger Treffpunkt im Rahmen des Mittwochskiosk (2024). Beworben wurde er über die im Haus integrierten Plakatwände ganz simpel: mittwochs kiosk books+radio.
Transformationsstationen dienten häufig gleichzeitig als Plakatsäulen und Plakatflächen, so auch das Kasseler Trafohaus. Damit bespielt das Haus den Außenraum und bindet ihn ein. Das Gebäude bekommt so eine ständig wechselnde visuelle Oberfläche. Die Plakatwände können als Bühnenbild für Performances, Lesungen und Konzerte umgewandelt werden.
Programme follows form
Es versteht sich, dass das weiße, freistehende, eingeschossige Gebäude mit seinen geraden Flächen und ausfallenden Rundungen eine starke Wirkung auf das Programm hat. Hinzu kommt, dass auch die unmittelbare Umgebung selbst ein Umschlagplatz ist. Bekannt für seine offene Drogenszene, prägt er auch den Rhythmus und Charakter von Veranstaltungen. Substanzen wechseln, Wirkungen verändern sich. Das wiederum wirkt sich zunehmend auf die Programmarbeit und den Nutzmöglichkeiten des Gebäudes aus. Während sich die Kirche großzügig mit Bauzäunen abgeschirmt hat, hat sich das Trafohaus noch nicht verbarrikadiert. Zwar wurden Schlösser verstärkt und Einbrüche nehmen zu, aber die Programmmacher:innen passen sich an.
Das Trafohaus arbeitet weiterhin als Transformator. Dabei bedient es sich schon länger dem Medium Radio. Live-Streaming kann dezentral gedacht werden. Mit der Radiostation kann über lokale Grenzen hinaus kommuniziert werden. Durch ein mehrsprachiges Programm wird überregionaler Bezug hergestellt. Das Trafo.Radio sendet Mittwochs alle paar Monate im Freien Radio Kassel. Als offene Plattform und in Kooperation mit anderen Radio-Schaffenden ergibt sich durchgemischtes Programm. Oft werden lokale Geschichten in öffentliche Erzählungen gesetzt. In seiner Funktion als sozialer Raum wurde der Kiosk beispielsweise in einer Radioshow in Kooperation mit der Universität Kassel thematisiert. Oder es geht um Kassels Musikszene der 1980er. Manches erschließt sich aber erst vor Ort, meint Malene. Also fahren wir nach Bettenhausen.
Bettenhausen
Nach dem Fall der Mauer wurde Kassel zum geografischen Zentrum der Bundesrepublik. Deshalb gibt es den Platz der Deutschen Einheit, über den wir nach Bettenhausen gelangen. Der Stadtteil erscheint wie ein Archiv unterschiedlicher Modernisierungsversprechen. Entlang der renaturierten Losse stößt ein nahezu intakter dörflicher Kern auf weitläufige Industrie- und Gewerbelandschaften. Hier liest sich die Geschichte Kassels. Als ehemaliges Epizentrum der Textilindustrie galt das Salzmann-Areal, auf dem Zelte und Segeltücher hergestellt wurden. Für die Musikszene war der Ort von Bedeutung, unter anderem wegen dem Techno-Club Stammheim, über den bei Trafo.Radio zuvor berichtet wurde. Zur documenta 8 (1987) wurde der Komplex erstmals als externer Spielort eingenommen. Es folgten weitere Ausgaben in der Industrieruine.
Reisebüro
Am nächsten Tag gehen wir noch einmal zurück ins Trafohaus. Denn auch das Trafohaus war Austragungsort der documenta fifteen (2022). Das weltweite Netzwerk Arts Collaboratory nutzte das Haus als Redaktionsraum. Sich zu vernetzen, Plattform für andere zu sein und Teilhabe zu ermöglichen, ist der Kerngedanke vom Trafohaus. Für die Betreiber:innen ist es wichtig, sich kontinuierlich mit dem Ort auseinanderzusetzen und mehr über seine Geschichte zu recherchieren: “Zur Praxis des Trafohauses gehört auch das Dokumentieren”. Deshalb hat das Trafohaus auch eine kleine Buchbindewerkstatt und beherbergt einen eigenen Verlag. Publizieren verstehen sie als Austausch und Konservieren von Wissen. Als selbstorganisierter Kulturort arbeiten sie mit basisdemokratischen Arbeitsprozessen. Dies lässt das Potential sich zu wandeln, dynamisch zu bleiben und zu reagieren auf Veränderungen.
Wir schwenken eine Schneekugel mit der Miniaturansicht der Wilhelmshöhe aus einem Souvenirladen, während wir über die Zukunft des Trafohauses reden. Vielleicht wird es einmal ein Reisebüro.
https://trafo.haus/
























