Dialogfeld DREI

SCHMECKEN UND RIECHEN

09.11. bis 18.12.2020

Präsentationswoche vom:

12.12. bis 18.12.2020.

Präsentation: 12.12. ab 13:00
@ Zietenstraße 32A, @ Bunte Gärten, sowie auf: https://www.dialogfelder.de/taste-gallery

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Lest hier die INTERVIEWS mit Tainá und Klara!
 

Tainá Guedestaste gallery

(2020, Chemnitz Sonnenberg)

TAINÀ Guedes (SCHMECKEN)

Tainá Guedes wurde 1978 in São Paulo, Brasilien, geboren, wo sie in der kreativen Atmosphäre um das Kunstatelier ihres Vaters aufwuchs, umgeben von Künstler:innen und Musiker:innen. Sie besuchte das Internationale Kochprogramm an der Gastronomieschule der Universität Senac, wo sie 2006 ihren Abschluss machte. Nach ihrem Umzug nach Europa im Jahr 2006 kam Tainá mit shojin ryori in Berührung, dem japanischen (In-)Begriff für buddhistisch-vegetarische Küche, viel mehr als nur eine Küche, eine wahre Philosophie der Kochkunst. Seitdem hat sie sich fortwährend mit vegetarischem Essen und Kochen beschäftigt und untersucht, wie Essen mit unserer Kultur verflochten ist. Die Köchin, Künstlerin, Lebensmittelaktivistin und Kuratorin arbeitet seit 2009 an verschiedenen Projekten, die Essen, Kunst und Nachhaltigkeit mit verschiedenen Medien zusammenbringen, in Deutschland und seit 2009 auch international. Ihr erstes Buch gegen Lebensmittelabfälle, Kochen mit Brot (zweite Auflage im Oekom Verlag), erschien 2013, ihr zweites Buch "Die Küche der Achtsamkeit" (Kunstmann Verlag) 2016. Sie ist außerdem Gründerin der Food Art Week und der Entretempo Kitchen Gallery. Ausgezeichnet mit dem dm-UNESCO-Preis für Engagement.

https://www.tainaguedes.org/
https://www.foodartweek.org/

TASTE GALLERY

 

Wie umgehen mit dem globalen Verlust von Samendiversität? Wie reagieren auf das einhergehende Verschwinden von Arten- und Essensvielfalt? Mit ihrer Arbeit Taste Gallery versucht Taina Guedes sich jenen Fragen anzunähern. Indem sie Menschen trifft, mit ihnen über ihre Essgewohnheiten redet, sie interviewt und portraitiert, schafft sie ein glokales Gedächtnis. Sieben Personen, sieben Entitäten, sieben Videos die von Essensdiversität erzählen. Zu betrachten online als sogenannte Taste Gallery, vor Ort zu sehen als großformatige, interaktive Drucke. Teil der Taste Gallery ist zudem die sogenannte Foodartbank bei Instagram, die es Interessierten unter den Hashtags #foodartbank und #letscookthefuturetogether ermöglicht ihre Rezepte, Essgewohnheiten uvm. mit der Allgemeinheit zu teilen. "Food is an universal language that can promote positive change". Also fangen wir alle an, daran mitzuwirken!

https://www.dialogfelder.de/taste-gallery

Klara Ravat  – Bits and Pieces

(2020, Chemnitz Sonnenberg)

KLARA RAVAT (Geruchssinn)

 

Nach ihrem Studium der qualitativen Trendforschung in Barcelona zog es Klara Ravat in die Niederlande, wo sie mit einem Bachelor of Arts (Kunstwissenschaft an der Royal Academy of Arts) abschloss. Parallel begann sie ein Studium der Psychologie an der Open University von Katalonien. Klara Ravat ist Mitbegründerin und Leiterin des Smell Lab, einer Plattform für olfaktorische Kunst und interdisziplinäre Praktiken, die sich auf Duft als Ausdrucks- und Kommunikationsmedium beziehen. Die Hauptaufgabe des Smell Lab besteht darin, künstlerische Praktiken, die den Geruchssinn einbeziehen, zu koproduzieren, auszubilden, zu erneuern und zu unterstützen.

https://www.klararavat.com/
https://www.smell-lab.org/

BITS AND PIECES

Während ihrer Künstlerresidenz bei den Dialogfeldern 2020 hat Klara Ravat einen Teppich aus Wolle entworfen. Dieser Teppich hat eine eingeschriebene Symbolik - Selbstpflegepraktiken für das Selbst. Im Rahmen ihres Aufenthaltes im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg realisierte sie, wie sehr der öffentliche Raum geruchlich "aufpoliert" zu sein scheint: Es gibt kaum etwas zu riechen! Warum ist die Stadt derart geruchslos? Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Mangel an sensorischen und sinnlichen Inputs der Stadt und ihrer Vergangenheit und Zukunft?  Klara Ravat präsentiert zusammen mit dem Teppich eine Videoarbeit, in der sie ein Ritual vorstellt, um ihre Selbstpflegepraktiken einem breiteren Publikum zugänglich zu machen. Ist es möglich gemeinsam Praktiken und Düfte zu kreieren, mit deren Hilfe der Raum besser fühlbar wird? Können durch Düfte größere Wirkungen in Nachbarschaften und Gemeinschaften erzeugt werden? In einem Video imaginiert und verbindet Klara Ravat Düfte für eine bessere Zukunft.

Julia Küttner  – Dokumentation

(2020, Chemnitz Sonnenberg)

Über die Verschiebung von Sinnen (1)


Chemnitz nehme ich mit einer bestimmten Sinnhierarchie wahr: Ich sehe, das Grau der Innenstadt, die sauberen Straßen, die Bäume, die die Wege säumen, ich sehe den Rauch der Esse. Ich höre, das Tackern der Straßenbahn, das Zwitschern der Vögel im Aufbruch, Autos beim Anfahren an einer Kreuzung, Stau auf der Zietenstraße, begleitet vom aufgeregten Hupen. Ich fühle, die Schwere der Einkaufstüten auf dem Heimweg, der Wind, der meine Nase rötlich einfärbt, die Kälte, die sich ihren Weg in meinem Ärmel sucht, als ich auf meinem Weg zum Sonnenberg eine Eisenstange streife. Ich rieche, das Aroma von Kaffee, die Abgase von stehenden Fahrzeugen. Ich schmecke. Nichts. Noch nichts.


Mit meiner Dokumentation der Dialogfelder lerne ich, mich auf meine, in Chemnitz, unterrepräsentierten Sinne Riechen und Schmecken zu konzentrieren und diese ganz neu für mich zu entdecken.


Mit Tainà besuche ich eine marokkanische Frau auf dem Sonnenberg. Sie empfängt uns mit einem strahlenden Lächeln, sie ist zurückhaltend, aber freut sich über unser Interesse. In der Wohnung riecht es nach Weihrauch, der meine Sinne im ersten Moment benebelt. Diese
intensiven Sinne, die auf mich einprasseln, bin ich nicht gewohnt. Im Hintergrund läuft landestypische Musik. Sie bittet uns ins Wohnzimmer zu Tisch, welcher bereits jetzt keinen Platz für weitere Gerichte hergibt. Sie bereitet uns Tee, eine Mischung aus Pfefferminz und Grüntee,
welchen sie in liebevoller Hingabe zweimal zurück in die Kanne gibt, nur um ihn erneut einzuschenken. Das Ritual fasziniert mich. Sie erklärt mir, dass sich so der Zucker, der sich am Boden absetzt, erneut mit dem Tee vermischt. Ich schmecke die süße Note ganz deutlich.


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Über die Verschiebung von Sinnen (2)

Dieser Vormittag ist eine Explosion für den Geschmackssinn. Wir probieren uns durch dieverschiedenen, liebevoll angerichteten Speisen, es gibt Datteln mit Walnüssen, selbstgemachtes Brot, eine Art „Flammkuchen“ mit Spinat und Käse, zwei Kuchen, Früchte und vieles mehr.Klara besuche ich an einem Freitagnachmittag im Studio auf dem Sonnenberg. Draußen ist es laut, der Stadtteil befindet sich im Aufbruch - nach Hause, zur Familie, aus der Stadt raus. Klara bietet mir Tee an, der eine leichte Zimtnote im Raum verbreitet. Wir sprechen über unsere Vorlieben zu Musik, über das Reisen, über verschiedene Kulturen und natürlich über Gerüche.

 

Klara erzählt mir, dass sie Chemnitz und auch den Sonnenberg als sehr neutral wahrnimmt. Ichhabe mir bisher noch keine Gedanken gemacht, stimme ihr aber zu. Chemnitz riecht aufgeräumt, neutral, vor allem jetzt im Winter. Lediglich im Sommer kann man den einen oder anderen Geruchwahrnehmen - meist bei Veranstaltungen, in der Nähe der Restaurants der Innenstadt oder dem Café um die Ecke. Klara zeigt mir ein paar ihrer Gerüche, die sie nach Chemnitz mitgebracht hat.Fein säuberlich beschriftet stehen sie in kleinen Ampullen vor uns. Sie gibt mir den Geruch vonRauch, er ist so intensiv, dass ich mich in meine Kindheit zurückversetzt fühle. Ich höre Lagerfeuer in meinem Ohren knistern, ich denke an Stockbrot und lange Sommerabende. Als nächstes gibtsie mir den Geruch von Rosen, damit trifft sie meinen Geschmack - ich liebe ihn, er hat eine beruhigende Wirkung auf mich. In mir werden längst vergessene Erinnerungen wach, wir beginnen im Tag zu träumen und fliegen gedanklich über den Dächern vom Stadtteil Sonnenberg. Wie wäre es, wenn eines der wunderschönen, verlassenen Gebäude in Chemnitz als Duftlabor neu zum Leben erweckt werden würde? Welche Gerüche passen zu Chemnitz? Welcher Geruch sind wir? Es sind Fragen, die mich nicht mehr loslassen.